Ich wünschte, ich könnte diesen Beitrag mit „Die diesjährige Deutsche Meisterschaft war ein Erfolg“ beginnen. Ich wünschte mir, dass ich euch sagen könnte, dass die letzten guten Trainingswochen, die ich in einem der letzten Beiträge erwähnte, tatsächlich der Vorbote zu einer sportlich gesehen „besseren Zeiten“ waren.

Leider kann ich euch aber nichts davon sagen. Die Deutsche Meisterschaft in Plauen war nämlich einer meiner schlechtesten Wettkämpfe dieses Jahr. Obwohl ich nach außen über keinerlei „Ziele“ gesprochen habe und auch zu allen nur gesagt habe „Ich gehe nur dahin um einfach einen guten Wettkampf zu machen und Spaß zu haben“, so hatte ich natürlich in meinem Kopf eine bestimmte Vorstellung. Mir war von vorneherein klar, dass ich nicht zur DM fahre um irgendwas zu gewinnen. Ich habe dieses Jahr auch so viele Wettkämpfe gemacht, dass ich mir die DM so gesehen auch hätte sparen können. Allerdings war die Teilnahme für mich persönlich wichtig. Letztes Jahr, nachdem ich den Sport gerade einige Monate ausübte, schaffte ich es bereits mich für die Deutsche Meisterschaft zu qualifizieren und belegte damals den 9. von insgesamt 9 Plätzen. Für mich persönlich war dieses Ergebnis nichts worauf ich stolz war und anstatt mich einfach darüber zu freuen, dass ich nach nur wenigen Monaten auf der DM war, schämte ich mich sehr lange für meine damalige Leistung. Damals nahm ich mir fest vor, das kommende Jahr im Training alles zu geben. Ich wollte im darauffolgenden Jahr auf der Deutschen Meisterschaft stehen und stolz auf meine dort erbrachte Leistung sein.

Ich muss ehrlich sagen, nachdem dieses Jahr dann sportlich gesehen eine reinste Katastrophe war und ich oft an mir gezweifelt habe, habe ich auch oft darüber nachgedacht ob ich in meiner derzeitigen Form überhaupt an der DM teilnehmen möchte. Wie gesagt waren die letzten Trainingswochen seit der Landesmeisterschaft aber durchaus positiv. Ich fühlte mich körperlich und mental endlich wieder stärker. Hätte ich mich nicht gut vorbereitet gefühlt, so hätte ich mich nicht für die Deutsche Meisterschaft angemeldet.

Mit diesem Hintergrund entschied ich mich letztendlich dieses Jahr wieder bei der DM mitzumachen. Diesen Wettkampf wollte ich nur für mich machen. Klar, wir machen jeden Wettkampf „für uns selbst“. Allerdings, zumindest ist es bei mir so, möchte man ja auch seine Trainer und seinen Verein den man repräsentiert gut vertreten.

Ich fühlte mich vor der Deutschen Meisterschaft also wirklich mehr als bereit und freute mich sehr auf diesen großen Wettkampf.

 


In dem Beitrag zur Norddeutschen Meisterschaft habe ich bereits erwähnt, dass ich eigentlich mein Körpergewicht nicht mehr kurzfristig reduzieren möchte. Allerdings entschied ich mich vor der Deutschen Meisterschaft doch dazu noch einmal -63 zu starten. Am Wettkampftag wog ich mit gerade mal 62.2 kg ein, welches das niedrigste Gewicht ist was ich seit der DM letztes Jahr hatte. Während des Reißens merkte ich bereits beim Aufwärmen, dass ich mich nicht sehr gut konzentrieren konnte. Ich muss irgendwie in einer Art „Tunnel“ und sehr konzentriert sein um gut zu Reißen. So eröffnete ich den Wettkampf mit lediglich 55kg, klappte bei 58 im 2. Versuch obwohl ich die Langhantel schon gefangen hatte einfach mal zur Seite weg (was eigentlich ziemlich lustig aussah auf den Videos) und schaffte die 58 aber wenigstens im 3. Versuch. 58kg ist in der Regel ein Gewicht, welches ich immer schaffe und dieser Umstand zeigte mir bereits, dass ich an diesem Tag einfach nicht in meiner bestmöglichen Verfassung war.

Trotzdem war ich beim Stoßen dann sehr fokussiert und eröffnete mit leichten 70kg. Im 2. folgten 74 kg, welche ich auch zunächst gültig bekam. Eigentlich merke ich immer, wenn ich beim ausstoßen nachdrücke und weiß somit also auch sofort selbst ob der Versuch gültig oder ungültig war. Bei diesem Versuch fühlte sich für mich alles „gut“ an. Allerdings stimmte das Wettkampfgericht hier mit 2 zu 1 gültig (zwei Kampfrichter stimmen also dafür, dass der Versuch gültig war, einer dagegen). Ich muss zugeben, dass dieser Versuch von den Videos her grenzwertig war. Von den seitlichen Aufnahmen sieht er nicht nachgedrückt aus, von vorne sieht man allerdings das die Ellenbogen einen kurzen Moment „nachwippeten“. Wie gesagt, ich für mich hatte in dem Moment auch das Gefühl nicht nachgedrückt zu haben. Ich steigerte auf 77kg, was eine neue Bestleistung gewesen wäre, und war mich sicher, dass ich sie schaffen würde. Irgendwo am Rande meines Tunnels bekam ich nach einigen Minuten mit wie nochmal mein 2. Versuch auf der Anzeigetafel erschien und ich vernahm irgendwo peripher, dass irgendwas von wegen „hier nochmal der 2. Versuch der nachträglich ungültig gegeben wird“ gesagt wurde. Also ja, ich nahm es irgendwie, irgendwo war, realisierte es aber in diesem Moment nicht so richtig. Da ich zu dem Zeitpunkt auch ohnehin schon auf 77 kg gesteigert hatte, gab es für mich aber auch „kein zurück“ mehr. Die 77 kg schaffte ich dann auch solide umzusetzen, kippte beim Ausstoßen aber mit dem Oberkörper zu weit nach vorne und drücke das Gewicht nun spürbar nach. In dem Moment war ich natürlich sehr enttäuscht, aber da ich bis dahin noch dachte, dass ich zumindest 4 gültige Versuche habe war die Welt für mich „in
Ordnung“. Die Frage meiner Teamkollegin, ob ich den 3. Versuch jetzt nicht vom Kopf her geschafft habe wegen dem Versuch davor, verstand ich überhaupt nicht. Erst als ich zurück zu meinem Platz zurückkehrte und mit meinem Freund sprach realisierte ich, dass ich nur einen gültigen Versuch mit (in meinem Kopf) „lächerlichen“ 70 kg gültig hatte. Ich will an dieser Stelle nicht übertreiben und sagen, dass „eine Welt zusammengebrochen“ ist. Allerdings muss ich zugeben, dass ich wirklich erstmal Schlucken und das dieses Ergebnis zwei Tage lang verdauen musste.

Schaut man der Wahrheit mal ins Gesicht, so muss man ohnehin sagen, dass das Niveau auf dem ich nun seit knapp  2 Jahren Gewichtheben betreibe nicht sehr hoch ist. In den USA würde mein Zweikampf nichtmal für eine Qualifizierung zu den American Open reichen. Auch auf nationaler Ebene gibt es noch viele sehr starke Mädels, die bei gleichem Körpergewicht viel mehr bewegen können als ich.

Nichtsdestotrotz nützt es am Ende des Tages ja auch nichts, wenn man sich immer nur kleiner redet als man ist. Noch weniger nützt es einem aber auch, wenn man sich mit anderen vergleicht. Warum? Weil jeder mit anderen Voraussetzungen in eine Sportart kommt. Jeder bringt andere Kraftwerte, eine andere Beweglichkeit und natürlich auch ein anderes Talent für den Sport mit. Dazu kommt auch, dass jeder seine individuelle Lebenssituation hat. Die einen mögen sich jetzt fragen, was die Lebenssituation mit dem Sport zu tun hat. Bei einem nicht nur körperlich, sondern auch mental anspruchsvollen Sport wie Gewichtheben (oder generell bei jedem Sport ab einem gewissen Niveau) spielt die derzeitige Lebenssituation jedoch eine sehr große Rolle. Das Bewegen eines hohen Gewichtes über Kopf erfordert nämlich eine positive Einstellung und ein hohes Maß an Motivation. Bin ich nach der Arbeit schon komplett erschlagen und habe viele Sorgen, so ist die Wahrscheinlichkeit natürlich höher mal ein schlechtes Training zu haben, als wenn ich gerade total glücklich und unbeschwert bin.
Dies sind zwar sehr simpel erscheinende Faktoren, die beim Gewichtheben aber eine große Rolle spielen.

Vier Tage nach der Deutschen Meisterschaft sitze ich nun also an diesem Artikel und möchte hier eigentlich nicht nur über meine Enttäuschung berichten. Denn am Ende geht es eher darum, aus der Enttäuschung etwas Positives mitzunehmen und stärker aus der ganze Sache rauszugehen, als man rein gegangen ist. Wie gehe ich jetzt also mit der „Schmach des Versagens“ um?
Ich habe bereits in meinem Artikel „The art of positive failure“ einiges zum Thema „Versagen“ im Sport geschrieben. Nichtsdestotrotz möchte ich nochmal erläutern, wie ich für mich damit umgehe.

Zunächst einmal erinnere ich mich einfach daran, WIE ich eigentlich letztes Jahr angefangen habe. Ich halte mir vor Augen, dass auch wenn mein Zweikampf nicht so hoch gegangen ist wie ich es mir dieses Jahr gewünscht habe, meine Kraftwerte doch deutlich gestiegen sind. Vor allem an den Kraftwerten meiner Frontkniebeuge wird mir bewusst, wie viel mehr Kraft meine kleinen Beinchen dieses Jahr bekommen haben. Ich erinnre mich sehr gerne an meinen 1. Tag in einer CrossFit Box in Australien vor drei Jahren. Ich stand dort vor einem Whiteboard auf dem die 1 RMs der starken Mädels standen. Damals kamen mir die dort niedergeschriebenen 75 kg eines Mädchens so unglaublich stark und sowas von für mich unerreichbar vor (man muss dazu wissen, dass mein 1 RM vor drei Jahren bei zarten 50 kg lag). Wenn ich für mich bestimmte „Niederlagen“ erlebe, so halte ich mir genau solche Momente vor Augen. Jeder sollte sich eins, zwei Tage nehmen, um das erlebte für sich zu verdauen. Danach muss man es aber wirklich in eine Kiste packen und abhaken. Es nützt einem ja nichts sich dann noch wochenlang deswegen fertig zu machen. Dann muss man den Sport auch einfach mal Sport sein lassen, seine gesamten Fortschritte im Auge behalten und auch das, was man außerhalb des ganzen Sportes das Jahr über geschafft hat. Man darf im Sport auf jeden Fall aus keiner Niederlage mit gesenktem Haupt rausgehen. Die Wettkampfsaison ist noch lange nicht zu Ende und ich habe noch einige Wettkämpfe vor mir, bei denen ich es dann mit mehr Körpergewicht und ohne einen sogenannten „weight cut“, besser machen kann. Denn wenn ich nun eins schmerzlich gelernt habe dann ist es, dass mein Körper nach einem kurzfristigem Gewichtsverlust überhaupt nicht die Leistung bringen kann, zu der er sonst im Stande ist. Rückblickend habe ich nach diesem ganzen Jahr, mit mehr schlechten als guten Tagen aber noch mehr gelernt… und zwar, dass obwohl ich dieses Jahr schon mehrmals alles hinschmeißen wollte, meine Finger doch einfach nicht vom Gewichtheben lassen kann und werde.

Zu guter Letzt möchte ich noch meiner Teamkollegin Anne Hruschka zu einem starken 7. Platz (-53 kg), Praticia Rieger vom TV Elz e.V. zum 2. Platz (-75) und Olga Miljukov vom VfK Hannover zum ebenfalls 2. Platz (75+) gratulieren.

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