Die Angst vor dem Versagen. Angst davor, die Dinge nicht erfüllen zu können, die andere von einem erwarten (könnten). Angst davor, was andere von einem denken. Angst, nicht so gut zu sein wie man es gerne möchte. Angst davor, andere zu enttäuschen.

Bevor ich Gewichtheben angefangen habe, habe ich diverse andere Sportarten ausprobiert: Boxen, Tanzen, Schwimmen, Handball.. jede Sportart ist auf ihre Art und Weise anspruchsvoll und jede Sportart verlangt Disziplin und Willenskraft um gut in ihr zu sein. Nichtsdestotrotz kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Gewichtheben ein wunderschöner, zugleich aber auch undankbarer Sport ist. So wunderschön, weil er eine akkurate und punktgenaue Technik verlangt, so undankbar weil ein einziger Moment über die harte Arbeit vieler Monate entscheidet. Ich denke der Weg zum Erfolg ist in allen Sportarten gleich: er besteht aus viel Arbeit, Disziplin, Schweiß, mentaler Stärke und eventuell für den ein oder anderen auch mal aus der einen oder anderen Träne (egal ob Tränen der Freude, Trauer oder Enttäuschung). Nichtsdestotrotz finde ich, steht man beim Gewichtheben vor völlig neuen Herausforderungen. Monatelanges Training für 3 Versuche pro Disziplin. Wenige Sekunden die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Wenige Sekunden die dich entweder fliegen oder mit voller Wucht auf den Boden der Tatsachen zurück klatschen lassen. Manchmal tut das klatschen auf den Boden garnicht so sehr weh. Vielleicht, weil der Wettkampf nicht „sooo wichtig“ war, vielleicht weil du länger nicht trainiert hast, vielleicht weil du von vorneherein nicht gut drauf warst.. aber an den Tagen. an denen du dir selbst vorgenommen hast es dir selbst und deinen Trainern zu zeigen… DANN tut der Aufprall auf dem Boden weh. Dann kommt das Gefühl, versagt zu haben. Versagt vor dir selbst, versagt vor deinen Trainern, versagt vor den Zuschauern.. was werden die wohl nur denken?!

Aber ganz ehrlich?Was heißt es schon „versagt“ zu haben? Wir denken, dass wir versagt haben, weil wir selbst Erwartungen an uns stellen. Weil wir uns selbst Leistungen abverlangen, zu denen wir an bestimmten Tagen einfach nicht bereit sind (auch wenn wir sie mit großer Wahrscheinlichkeit schaffen könnten). Wie ich bereits schon mal erwähnt habe, ist Gewichtheben eine mental anspruchvolle Sportart. Ist dein Kopf nicht da, dann kannst du davon ausgehen, dass der Wettkampf nicht so verläuft wie du es dir vorstellst.
Letztes Jahr habe ich an der deutschen Meisterschaft im Gewichtheben teilgenommen. Als eine der letztplatzierten auf der Liste der Qualifizierten, startete ich mit dem Gedanken „einfach nicht letzte werden, dann bin ich glücklich“. Der Druck unter den ich mich selbst gesetzt hab und das nicht erfüllen von Erwartungen an mich selbst im Reißen führten dann beim Stoßen dazu, dass ich Lasten, die ich eigentlich hätte stoßen können, nicht geschafft hab und so dann doch Letzte geworden bin. Ich bin schon nach dem Reißen mental eingebrochen. Es war weder mein Trainer, noch meine mitgereisten Freunde die enttäuscht von mir waren. Ich selbst war enttäuscht von mir. Ich selbst schafft es mir meine Teilnahme an der deutschen Meisterschaft nach 10 Monaten Gewichtheben so schlecht zu reden, dass ich mich wochenlang schämte und Fragen nach der Meisterschaft nur verlegen beiseite schob. Anstatt mich mit einem positiven Gefühl an die Meisterschaft zurückzuerinnern und dankbar für die Erfahrungen zu sein, die ich dort sammeln durfte, schaffte ich es mir die Erinnerung zu einer schlechten zu machen.

Gestern hatte ich bei einem Wettkampf wieder die gleiche Situation: ich stellte von vorneherein Erwartungen an mich selbst und als ich diese beim Reißen nicht erfüllte hatte ich wieder das Gefühl irgendwie „versagt“ zu haben. Aber was bringt es, mit diesem schlechten Gefühl an die nächste Disziplin zu gehen? Nichts außer mentale Schwäche und sehr wahrscheinlich noch mehr ungültige Versuche. Also was tun? Einmal fluchen und den Mist in eine Kiste packen, Kiste zu machen und in den Teil des Gehirns schieben, wo VERGESSEN drauf steht. Nicht jeder Wettkampf ist gut, aber wenn ich eins gelernt hab dann ist es das, dass man sich nicht von Erwartungen an einen selber erdrücken lassen darf. Das die Wettkämpfe, die vielleicht nicht so laufen wie man es sich wünscht meistens die sind, bei denen man mehr lernt als man glaubt. Das man sich selbst mehr im Weg stehen kann, als alle anderen und man daher seine ganzen Erwartungen an sich selbst fallen lassen sollte. Ich selber habe Kopf technisch noch unglaublich viel zu lernen. Mein Kopf ist mein größter Feind beim Gewichtheben. Aber eins weiß ich inzwischen: dass diese ganzen „Erwartungen“ die man immer an sich selbst stellt, meistens auch nur von einem selbst kommen. Egal ob beim Sport oder im Alltag, nur weil man selbst DENKT man hat versagt, sehen das die Menschen um einen rum nicht auch so. Und anstatt sich selbst zu bemitleiden sollte man jegliches Gefühl des Versagens dazu nutzen, es das nächste Mal besser zu machen. Gerade beim Sport: vertrau deinem Trainer, vertrau deinem Können und konzentier dich auf das Ziel. Es ist klar das der Weg zum Ziel nicht immer nur über Höhen geht. Mal fliegst du, mal fällst du… aber am Ende des Tages bleibt zumindest eine Sache: dein Squat-Bootey, den du dank der ganzen Kniebeugen bekommen hast ;D.

4 thoughts on “The art of positive failure.”

  1. Du bringst es auf den Punkt. Immer wenn ich deine Beiträge lese, ist es schön zu sehen das andere auch ähnliche Probleme haben und irgendwie geht es mir nach dem Lesen immer besser.

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